Der Kirchzartener Narrenbrunnen

Seit 1985 steht er auf dem Platz gegenüber dem „Gasthaus zur Sonne“, unser Narrenbrunnen. Vor Jahren wurde er durch Oberzunftmeister Sepp Laule geplant und vorbereitet, unter Oberzunftmeister August Waldvogel endlich verwirklicht. Die Figuren des Brunnens entstammen einem Entwurf des bekannten Holzbildhauers Gerhard von Ruckteschell

(1894-1970) der allerdings nach seinem Tode stark abgewandelt wurde:

Aus einem Baumstumpf erwachsen die Hexen mit ihrem Besen, zu ihrer Linken, sie überragend und etwas zu ihr gebeugt, der Teufel und, im Rücken des Teufels und von der Gruppe wegblickend, der Tod. Unten am Stamm sind nochmals eine Hexenmaske mit Zöpfen und eine Teufelsmaske mit Hörnern zu sehen.

Nach dem heutigen Stand der Forschung ist die älteste Fasnachtsgestalt der Teufel.
Die Fasnacht, wie wir sie kennen, war eine Schöpfung der mittelalterlichen Kirche. Nach den Vorstellungen des Hl. Augustinus zerfiel die Welt in zwei Reiche, Himmel und Erde – also die civitas divina, das Reich Gottes und die civitas terrena, auch civitas diaboli genannt, das Reich des „Fürsten dieser Welt“. Vor Beginn der strengen und kargen Fastenzeit sollte die Gläubigen, einem allgemein menschlichen Bedürfnis entsprechend, sich noch mal „austoben“ dürfen, um dann, am Aschermittwoch, mit einer entschiedenen Hinwendung in das Reich Gottes zurückzukehren. In einem riesigen Theaterspiel, unter Mitwirkung des ganzen Volkes, wurde das Reich des Fürsten dieser Welt vorgeführt. Der Teufel regiert zusammen mit Dämonen und Höllengeistern. Fleckenkleider deuteten die Befleckung durch Sünde an, Fuchsschwanz, Eselsohren, Schweinsköpfe und Bärenmasken erinnerten an die Todsünden. Schellen, die sonst von den Aussätzigen getragen werden mussten, kündigten das Nahen der Narren an, denn der Narr war ein mit Blindheit oder Wahnsinn geschlagener, von Gott verlassener Mensch und die Zahl elf wollte sagen: Die Stunde Elf hat geschlagen, bald bricht das himmlische Reich an und die Stunde des Jüngsten Gerichts.

Es fragt sich, ob die Kirche mit der Einführung der Fasnet nicht einfach einen heidnischen Frühlingsbrauch übernommen hat. Das würde in die „Landschaft“ des Teufelsreichs passen, denn alles „Heidnische“ wurde als „teuflisch“ angesehen. Dennoch wäre eine solche Schlussfolgerung falsch. Ein Rückfall getaufter Christen ins Heidentum, Häresie, Ketzerei und dergleichen waren Verbrechen, auf die der Feuertod stand. Sünden gegen göttliche und weltliche Gesetze durften auch in der „civitas diaboli“ unter keinen Umständen begangen werden, die Fasnet würde dann zu einer Zeit des Schreckens geworden sein. Das ganze Teufelswesen war Theater und sonst nichts. Die Fasnet war nur eine Zeit kirchlicher und obrigkeitlicher Duldsamkeit gegenüber menschlichen Schwachheiten, wie Unmässigkeit beim Essen und Trinken (Fasching = Fas-Schank) Scherze und Freiheiten im Umgang zwischen den Ständen (Rügebräuche) und zwischen den Geschlechtern.

Die Frage bleibt offen, ob Bräuche und abergläubische Vorstellungen, die in der Fasnet lebendig sind, auf vorchristliche Überlieferungen zurückgehen. Im 19.jahrhundert und bis zur Mitte dieses Jahrhunderts hielt man die Fasnet für ein vorchristliches Frühlingsfest. Tatsächlich sind Frühlings – Masken – und Verkleidungsbräuche aus vor und frühchristlicher Zeit bis ins 8.Jahrhundert unserer Zeitrechnung überliefert. Für die Zeit zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert fehlen aber Nachrichten. Ein Zusammenhang ist nicht zu finden.

Vor allem Aberglaube muss nicht notwendig vorchristlicher Herkunft sein, er kann jederzeit aus der menschlichen Daseinsangst entspringen. Für die Kirche war Aberglaube nur Dummheit, kein Verbrechen.

Die „Hexen“ sind, ihrer Entstehung nach, um Jahrhunderte jünger als die Teufel. zwar wurde der Teufel in der Fasnet stets von dämonischen Gestalten begleitet, Schrate, Schembarten, Perchten, Butzen, Harlekinen (Höllengeister) und Wilden Leuten, später auch Besenweibern, aber die Hexen fehlten. Hexerei war ein Verbrechen, das mit dem Feuertod geahndet wurde und nach einem bis heute geltenden, ungeschriebenen Gesetz dürfen Verbrechergestalten nicht in der Fasnet auftreten. Erst nachdem im 18.Jahrhundert die Hexenprozesse und anschließender Glaube an die Magie überhaupt aufgehört hatten, durften „Hexen“ unter dieser Bezeichnung in der Fasnet auftreten. Erstmals in Ertingen (Saulgau) 1862! Auch den Kirchzartener Hexen gingen „Pfuddletschobenweiber“ voraus, also Frauengestalten in Flickenkleidern, die, die Rolle von Höllengeistern innehatten, während die drei „Herolde“ später „Fasnetlader“ genannt, schon 1938/39 ein „Teufelshäs“ erhielten. Schwarz – rotes Flecklehäs, geschnitzte Teufelsmaske mit Hörnern, Laternen von dem Elzacher Schnitzer Fritz Disch dem Schöpfer der Offenburger Hexenmaske (von 1935) gefertigt, bekam ihr höllisches Gefolge erst 1949 seine Hexenmaske (von Gerhard von Ruckteschell geschnitzt) dazu trug man noch die „Pfuddletschobe“ und 1950 sein rotes Häs. Maßgebend für die Namengebung als „Hexe“ war der Umstand, dass in der Nähe der Birkenreute (früher Buckirutti, jetzt auch Brigitti genannt) ein Ortsgespenst in Gestalt einer alten Frau, die Brigitti-Hex spuken sollte. Nach ihr erhielt das ganze Narrennest den Namen

„Die Hexen von Kirchzarten“ während sich die Gesamtzunft auf Einspruch der Offenburger Hexenzunft nur „Höllenzunft“ nennen durfte.

Die jüngste Figur des Brunnens ist der Tod. 1950 wurde der „Hexentanz“ geschaffen. In einer damals uraufgeführten, von Otto Trescher und Erich Rieder entworfenen Urfassung trat nur der „Teufel“ auf, der seine „Höllengeister“ zusammenrief. Es gab zwar in der Fasnet schon Bräuche, in denen indirekt der Tod schon eine Rolle spielte, das sogenannte „Todtaustragen“, eine Puppe oder Symbolfigur, welche die Fasnet (oder der Winter) darstellen sollte, wurde zu deren Abschluss begraben, ertränkt oder wie bei der Kirchzartener Hexverbrennung verbrannt. Der Tod als Figur trat jedoch nicht in Erscheinung. Erst 1959 gab Gerhard von Ruckteschell der die Fasnet als Frühlingsfest auffasste, die Anregung, den Hexentanz umzuschreiben. Der Tod, im schwarzen Gewand, mit Schneeflocken bestreutem Häs, trat auf und wurde vom Teufel und seinen Hexen vertrieben. So wurde der Tanz erstmals 1960 aufgeführt, nicht mehr als Fasnetausrufung sondern als Winteraustreibung. So kann uns der „Kirchzartener Narrenbrunnen“ vieles über die Geschichte der Fasnet erzählen.

[verfasst von: Hans Otto Muthmann (Ha-O-Mu) Zeremonienmeister der Höllenzunft Kirchzarten am 29.01.1987]